Auf Wiedersehen zu MUSICA SACRA 2016

Fabrizio Ventura

„Musica Sacra“: Fabrizio Ventura zieht Bilanz

Das nächste Festival kann kommen

Drei Tage nach dem Abschlusskonzert von „Musica Sacra“ klingt Fabrizio Ventura immer noch ganz euphorisch. „Wenn ich vom Dirigentenpult aus sehe, dass nur einen Meter von meinen Füßen entfernt Zuhörer auf dem Boden sitzen, weil alle Plätze belegt sind, dann ist das phänomenal und rührend.“ Münsters Generalmusikdirektor spricht vom Eröffnungskonzert im Dom, bezieht sich aber auch auf das Finale in der Überwasserkirche. „Alle Konzerte, die das Sinfonieorchester im Festival gestaltet hat, waren zu 100 Prozent ausgelastet, bei den Sinfoniekonzerten im Theater hatten wir gute 80 Prozent.“ Was für ihn nur einen Schluss zulässt: „Die Leute brauchen diese Musik.“

„Musica Sacra“ war, wie schon bei der Premiere 2012, ein Festival in Münster, aber nicht nur für Münster. Gerade die Anhänger internationaler Stars wie der Organistin Jane Parker-Smith reisen aus ganz Deutschland an, erzählt Ventura. Er selbst freut sich darüber, dass er die Sopranistin Christiane Oelze und den Geiger Giuliano Carmignola bewegen konnte, neue Stücke in ihr Repertoire aufzunehmen: Hindemiths „Marienleben“ und Bibers „Rosenkranz-Sonaten“. Weil er nur Stars einladen möchte, „die etwas zu sagen haben“ und das Konzept des Festivals mittragen: geistliche Musik zu präsentieren, die alle Religionen respektiert und die vielleicht auch einen Agnostiker spüren lässt, „dass da etwas über uns ist.“ Gern über Gattungsgrenzen hinweg: Jazz ist ebenso willkommen wie buddhistische Flötenmusik. Carmignola übrigens gastiert im nächsten Jahr im Sinfoniekonzert.

Furcht davor, dass es nach zwei Festival-Jahren eng mit dem Repertoire werden könnte, hat der Dirigent nicht. „Denken Sie nur an Stücke wie Schumanns ,Rheinische‘, deren vierter Satz eine Zeremonie im Kölner Dom wiedergibt. Die jüdisch-christliche Tradition ist so tief in unserer Kunst verankert. Ob wir glauben oder nicht – wir atmen diese Kultur!“

Auch eine Oper darf, sofern es passt, wieder dabei sein, wenn das Festival im Jahr 2016 in die dritte Auflage geht. Und das wird es: „Ich habe schon mit Künstlern gesprochen“, raunt Ventura verheißungsvoll, ohne Konkretes zu verraten. Angesichts des großen Zuspruchs hofft er natürlich, dass künftig die öffentliche Hand wieder dabei ist. In diesem Jahr wurde „Musica Sacra“ durch Sponsoren sowie durch die Kirchen und ihre Banken finanziert – Fabrizio Ventura rühmt in diesem Zusammenhang den Freundes- und Förderkreis des Orchesters, ohne dessen Klinkenputzen das Festival nicht möglich gewesen wäre.

Künstlerisch ist „Musica Sacra“ eine Herausforderung vor allem für das Orchester, das in kurzer Zeit mehrere Programme neben seinem Opern-Dienst bewältigen muss – und organisatorisch, weil in diesem Jahr elf Spielstätten beteiligt waren. Schöne Kirchen, gute Orgeln und vor allem die heimischen Solisten und Chöre bilden ein solides Fundament. Und manche Besonderheit erhöht sogar den Reiz: „Beim Abschlusskonzert mit Bruckners Neunter in der Überwasserkirche läuteten die Glocken“, erzählt Ventura – sie haben den Musikgenuss offenbar nicht beeinträchtigt.

Harald Suerland, Westfälische Nachrichten, 24.4.2014